„nem oda korcsolyázunk, ahol a korong van, hanem oda, ahova érkezik”

Wie gewöhnen wir uns an Dr. Chaos?

2025. okt. 06.
Gabor Stier

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Gegenwärtig laufen die jährlichen Veranstaltungen des internationalen Waldai-Klubs im russischen Sotschi. Dabei diskutieren Teilnehmer aus vielen Ländern die aktuelle Lage. Aus Ungarn ist der Journalist Gabor Stier dabei. Ein Beitrag von Gábor Stier aus Sotschi. Aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.

„A korábbi években az úgynevezett Nagy Valdaj résztvevői a széteső világrendről, a nyugati hegemónia végéről és az orosz elnök által meghirdetett jövőbeli világrend alapelveiről beszélgettek” #moszkvater

„In diesem Jahr konzentrieren sich die Gespräche auf die individuelle und nationale Sicherheit sowie die Stärkung der Souveränität. Der Klub möchte diesen Ansatz bei der Jahrestagung fortsetzen und sich auf die Interaktion der Länder in der neu entstandenen polyzentrischen Weltordnung fokussieren”
Foto:Valdai Discussion Club

In dem Jahresbericht des Waldai-Klubs heißt es zur aktuellen chaotischen internationalen Lage, die Welt steuere nicht auf eine Katastrophe zu, sondern sei sogar demokratischer als zuvor. Zwar beschleunigen sich die Veränderungen und die auf westlichen Regeln basierende Weltordnung endet, es gebe aber keine Anzeichen für eine totale Umwälzung oder einen Weltkrieg.

Seit Jahren trifft sich der engere Kreis des Waldai-Klubs im Poljana 1389 Hotel in Sotschi. Die 22. Jahrestagung des Internationalen Diskussionsklubs Waldai, die vom 29. September bis zum 2. Oktober 2025 unter dem Titel «Gebrauchsanweisung für eine polyzentrische Welt» veranstaltet wurde, versammelt 140 Teilnehmer aus 42 Ländern. Vertreten sind unter anderem Algerien, Brasilien, das Vereinigte Königreich, Venezuela, Deutschland, Ägypten, Indien, Indonesien, Iran, China, Kasachstan, Malaysia, die Vereinigten Arabischen Emirate, Pakistan, Russland, die Vereinigten Staaten, Usbekistan, Äthiopien und Südafrika sowie – in geringerer Zahl – auch weitere europäische Länder.

Im Rahmen des Treffens kommen die Teilnehmer traditionell mit Vertretern der russischen Exekutive zusammen, darunter Außenminister Sergej Lawrow, der stellvertretende Stabschef der Präsidialverwaltung Maxim Oreschkin, Vizepremierminister Alexander Nowak und Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin. In den vergangenen Jahren befassten sich die Teilnehmer des sogenannten «Großen Waldais» mit der sich auflösenden Weltordnung, dem Ende der westlichen Hegemonie und den vom russischen Präsidenten verkündeten Grundprinzipien einer zukünftigen Weltordnung.

„In diesem Jahr konzentrieren sich die Gespräche auf die individuelle und nationale Sicherheit sowie die Stärkung der Souveränität. Der Klub möchte diesen Ansatz bei der Jahrestagung fortsetzen und sich auf die Interaktion der Länder in der neu entstandenen polyzentrischen Weltordnung fokussieren”

Die Analyse der verwirrenden Welt von heute wirft mehr Fragen als Antworten auf. Gleichzeitig finden in allen Lebensbereichen tiefgreifende Veränderungen statt, die das Fundament für die internationale sozialpolitische, wirtschaftliche und technologische Ordnung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts legen. Obwohl der Wert einer unabhängigen und souveränen Entwicklung mittlerweile weithin anerkannt ist, vertieft sich die globale Vernetzung der Welt weiter, anstatt sich abzuschwächen. Dies erfordert von allen, zumindest eine friedliche Koexistenz anzustreben, idealerweise aber eine konstruktive und für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit, da niemand die wachsenden Herausforderungen allein bewältigen kann.

Wenn technologische Durchbrüche die Grenzen der menschlichen Natur infrage stellen, kann dies unvorhersehbare Reaktionen in Gesellschaften auslösen. Dies stellt den Staat, der für Stabilität und die Lebensqualität seiner Bürger verantwortlich ist, vor große Herausforderungen, die ihn zwingen, Prioritäten in seiner Innen- und Außenpolitik neu zu definieren.

Fragen im globalen Wandel

In diesem widersprüchlichen globalen Umfeld stellen sich grundlegende Fragen: Was eint und was trennt uns? Welche Konflikte entstehen aus objektiven Differenzen und welche aus übertriebenem Ehrgeiz oder Missverständnissen? Und wie lässt sich der Raum für Konflikte verkleinern und der für Zusammenarbeit erweitern?

Diese Fragen wurden bei der 22. Tagung des Waldai-Klubs mit Gábor Stier – Autor dieses Beitrags – diskutiert, dem Gründungs-Chefredakteur des Portals #Moszkvater.com, der den Klub seit 2009 begleitet. Die Konferenz eröffnete mit einer Debatte über den Jahresbericht des Waldai-Klubs, dessen Titel «Doktor Chaos, oder wie man aufhört, sich Sorgen zu machen und anfängt, die Unordnung zu lieben» auf Stanley Kubricks Kultfilm «Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben» anspielt.

„Die Autoren des Berichts zeigen sich optimistisch und gehen davon aus, dass die Welt relativ stabil ist und Staaten sich eher an laufende, vielschichtige Veränderungen anpassen, anstatt eine revolutionäre Neuordnung des globalen Systems anzustreben”

Wie der Bericht feststellt, wurde die Organisation der Vereinten Nationen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts auf westlichen Ideen gegründet, die aus internen Konflikten des Westens entstanden. Die dort geschaffenen Regeln waren zwar nicht von Natur aus fair für alle, aber sie waren die einzigen, die auf einer Machtbasis beruhten, welche die Länder zu ihrer konsequenten Anwendung zwingen konnte.

Herausforderungen in der multipolaren Welt

Momentan verliert der Westen, unter dem Druck seiner eigenen Entwicklung und externer Kräfte, die Fähigkeit, in interne Konflikte anderer Länder einzugreifen und dadurch eine globale Agenda zu definieren. Es ist noch unklar, inwieweit die neuen Führungsmächte bei der Demokratisierung der globalen Politik bereit sind, dem Westen alternative Lösungen anzubieten.

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich die internationale Politik entwickeln wird, da das bisherige Machtzentrum verschwindet und frühere Staaten an globalem Einfluss gewinnen. Allerdings startet die Weltpolitik mit einem gewissen Vorteil in diese neue Phase: Das universelle Abschreckungsmittel der gegenseitig gesicherten Zerstörung zwischen Russland und den Vereinigten Staaten könnte die Entstehung einer neuen Norm begünstigen.

„In dieser neuen Weltordnung wird es kein einzelnes Zentrum geben, das die Regeln für alle festlegt. Stattdessen wird sich etwas Neues herausbilden, das möglicherweise an frühere Epochen der internationalen Beziehungen erinnert. Wie lange diese Phase dauern wird, ist unklar”

Der Programmdirektor des Waldai-Diskussionsklubs, Timofej Bordatschew, erklärt, dass Multipolarität heute die internationale Politik und ihre Debatten strukturiert. Während man vor einigen Jahren noch darüber diskutierte, ob sie die Weltordnung nach dem Kalten Krieg ablösen würde, ist sie nun eine feststehende Realität. Die zentralen Fragen lauten daher: Wie interagieren Staaten in dieser veränderten Welt, und wie lösen sie ihre Probleme ohne ein einziges Machtzentrum?

Nach Ansicht von Richard Sakwa, Professor für russische und europäische Politik an der Kent University in Canterbury, ist jede Betrachtung von Multipolarität, die weiterhin die USA oder den Atlantikraum als Machtzentrum sieht, anachronistisch und verzerrt. Er betonte, dass eine neue Ära der Multipolarität mit neuen globalen Akteuren anbricht. Der Ukraine-Konflikt habe die Entstehung konkurrierender Machtblöcke verdeutlicht: den von den USA geführten politischen Westen und den aufstrebenden politischen Osten. Letzterer wird durch die chinesisch-russische Allianz sowie zahlreiche «unverbundene» oder «schwach verbundene» Staaten des Globalen Südens gestärkt.

Auf die Frage, ob Multipolarität eine Symphonie, Anarchie, Gleichgewicht oder ein andauernder Konflikt sei, antwortete Fabiano Melnychuk, Professor am brasilianischen Institut für Politikwissenschaft der Bundesuniversität von Rio Grande do Sul:

„Die Hauptstrategie der Multipolarität ist das äußere Gleichgewicht. Man muss Allianzen eingehen, um das Machtverhältnis zu ändern. Ein multipolares System ist instabiler. Das heutige internationale System weist Merkmale unipolarer, bipolarer und multipolarer Welten auf. Wir müssen einen normativen Rahmen für die Multipolarität entwickeln. Wenn wir das schaffen, werden wir besser leben können”

Nach Ansicht von Oleg Barabanov, ebenfalls Programmdirektor des Waldai-Diskussionsklubs, kann Multipolarität zu einem Wettbewerb zwischen aufstrebenden Machtzentren führen. Er stellt fest, dass Konflikte in der heutigen multipolaren Ära schwieriger zu lösen sind als zur Zeit des Kalten Krieges, als die beiden Supermächte als Schiedsrichter fungierten. Heute gebe es viele Akteure in einer gespaltenen Welt, und Multipolarität löse Konflikte sehr leicht aus, mache ihre Lösung aber sehr schwer.

Fjodor Lukjanow, der Forschungsdirektor des Klubs, ergänzt jedoch:

„Trotz der extrem instabilen Situation in den internationalen Beziehungen gibt es keine Kräfte auf der Welt, die bereit wären, die Situation zu stören und revolutionäre Veränderungen herbeizuführen”

Er fügt hinzu, dass revolutionäre Veränderungen nicht auf Wunsch von Staaten, sondern als Folge grundlegender Veränderungen in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit geschehen.

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Gabor Stier
Geboren 1961, ist ein ungarischer außenpolitischer Journalist, Analyst und Publizist. Er ist Fachjournalist für Außenpolitik bei der ungarischen Wochenzeitschrift Demokrata sowie Gründungschefredakteur von #moszkvater, einem Internet-Portal über die slawischen Völker, insbesondere die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Davor war er 28 Jahre lang bis zu ihrer Auflösung bei der konservativen Tageszeitung Magyar Nemzet tätig, von 2000 bis 2017 als Leiter des außenpolitischen Ressorts. Er war der letzte Moskau-Korrespondent der Zeitung. Sein Interesse gilt dem postsowjetischen Raum und dessen aktuellen geopolitischen Entwicklungen. Stier schreibt regelmäßig für außenpolitische Fachzeitschriften und seine Beiträge und Interviews erscheinen regelmäßig in der mittel- und osteuropäischen Presse. Er ist Autor des Buches „Das Putin-Rätsel“ (2000) und seit 2009 ständiges Mitglied des Waldai-Klubs.

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